Geothermie – der unglaubliche Fall von Agnano

Das Geschehen in Agnano, ein Ortsteil der Gemeinde Pozzuoli, hat etwas Unglaubliches. Der Ort liegt im gleichnamigen Becken, in der roten Zone der Campi Felgrei, einem derzeit ruhenden Supervulkan, der einer der gefährlichsten der Welt ist.

Am 8. Juni 2020 hat die Gesellschaft GRADED eine Bohrung für ein geothermisches Projekt begonnen (hier geht es zu einer vollständigen Zusammenfassung (it)). Schnell zeigen sich Austritte von Dampf, Gas und Staubpartikeln und es bildet sich eine Dampfwolke bis zu einer Höhe von 50m. Alarmiert von der besorgten Bevölkerung ordnet der Bürgermeister zwei Tage später die Schließung der Baustelle an.

Man erfährt, dass die Bohrung Teil des Projektes GeoGrid ist, dessen Ziel lautet: „Entwicklung von Technologien und innovativen Systemen zum nachhaltigen Gebrauch geothermischer Ressourcen niedriger und höher Enthalpie mit erhöhter Energieeffizienz und geringerem Einfluß auf die Umwelt“. Das Projekt, an dem als „Begünstigte“ verschiedene Universitäten der Region mitmachen, CNR und INGV (Nationales Institut für Geophysik und Vulkanologie), wird vom Land Campagna mit einem Beitrag von 3,6 Mio Euro finanziert.

Es ist jetzt aber so, dass die Gemeinde nicht im Bilde war über den Beginn der Bohrungsarbeiten war, die in verschiedener Hinsicht gegen die geltenden Rechtsnormen verstossen. Die Arbeiten wurden zudem mit unzureichender technischer Ausrüstung und ohne jegliche Sicherheitseinrichtungen vorgenommen. Abgesehen davon hat sich die Gemeinde 2015 gegen geothermische Projekte im Gemeindegebiet ausgesprochen. Außerdem wurde 2017 vom Land das geothermische Projekt „Scarfoglio“ in der gleichen Gegend von Agnano abgelehnt. Als ob das nicht reichen würde: das INGV (das jedoch am Projekt von GeoGrid teilnimmt!) hatte sich vor zwei Jahren in einem internen Bericht gegen geothermische Projekte in dieser Zone ausgesprochen.

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Wieso betrifft uns dieses Geschehen in den fernen Campi Flegrei? Es zeigt uns einmal mehr, dass für geothermischen Unternehmen der Schutz der Umwelt und des menschlichen Lebens eine verhandelbare Option sind. Das Universitäten und Forschungsinstitute sich für wenig Geld darauf einlassen für gefährliche Projekte mit wenig wissenschaftlichen Belegen Garantien abzugeben. Es zeigt uns auch, dass ein engagierter Bürgermeister ein gefährliches Projekt, dem Vorsorgeprinzip folgend, stoppen kann.

Es interessiert uns auch deswegen, weil es uns Zugang zu dem wichtigen – bisher geheimgehaltenen – internen Bericht der INGV ermöglicht hat. Er taucht als Anhang zum Bericht auf, den das INGV über die Vorgänge in Agnano verfasst hat („Geothermische Bohrungen im Bereich Campi Flegrei – Projekt GeoGrid„): ab Seite 40 können Sie jetzt diesen wichtigen Bericht mit dem Titel „Bewertung der vulkanischem und sismischen Gefahren ausgelöst durch die Nutzung geothermischer Energie in den Bereichen Bagnoli, Scarfoglio (Campi Flegrei) und Serrara Fontana (Insel Ischia)“ einsehen. Er wurde von der Arbeitsgruppe „Geothermische Bohrungen“ des INGV ausgearbeitet.

Der Bericht wurde auf Antrag der Kommission für große Gefahren des Zivilschutzes von den angesehensten Geologen und Vulkanologen Italiens verfasst. Er räumt den von Giuseppe Mastrolorenzo (senior scientist am INGV) vorgebrachten Argumenten breiten Raum ein und bestätigt deren Richtigkeit. Wir werden den Bericht eingehend analysieren, aber schon eine erste Sichtung zeigt klar auf, dass alle Wissenschaftler übereinstimmend gravierende Mängel bei den zitierten Projekten sehen (dasselbe gilt für die beabsichtigten Projekte um den Bolsenasee und in der Toscana). Im Besonderen bestätigen sie dass:

„.. es fehlt, nach Meinung der AG (Arbeitsgruppe), eine geeignete Definition im Bereich  Sismotektonik die in Verbindung mit dem Grad Erdbebengefährdung der Region nicht vernachlässigt werden darf, weil diese stark zerstörenden Effekte auslösen kann.“ (dies in den Schlussfolgerungen in Bezug auf die Genehmigung Serrara Fontana). Weiter heißt es: „… dieses geothermische Reservoir, in welches das Fluid rückgeführt wird, das verschieden und isoliert ist von dem zur Produktion vorgesehenen, ist hinsichtlich seiner Hydrogeochemie von den Betreibern des Projektes nie untersucht worden. Daraus folgt, dass es vom Projekt nicht analysiert wurde und es daher auch nicht möglich ist, die Veränderung des geothermischen Systems durch die Rückfühung abgekühlter Flüsse zu bewerten.

Wir schliessen daraus, dass die Bewertung eines eventuellen Anstiegs der sismischen Gefahren im Gebiet in Folge der Realisierung der geothermischen Anlage gemacht wurde, ohne ein geeignetes sismo-tektonisches Modell vorzulegen.“

Wir fordern vor dem Hintergrund dieser maßgeblichen Meinungen eine Neubewertung der Umweltverträglichkeit der Anlagen in Castel Giorgio und Torre Alfina.

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